Freitag, 2. Dezember 2016

Buchrezension: Birgit Rabisch - Wir kennen uns nicht

Birgit Rabisch

Wir kennen uns nicht



Inhalt: 

Mutter und Tochter – eine oft konfliktreiche Beziehung, die seit der Antike nicht nur in der Literatur für Sprengstoff sorgt. Die Beziehung zwischen Lena und Ariane ist geprägt von der Unfähigkeit, sich in die Welt der jeweils anderen einzufühlen. Vieles bleibt unausgesprochen, beide lügen sich an und fühlen sich missverstanden im Labyrinth der gegenseitigen Täuschungen.
Die Mutter Lena, eine ehemalige feministische Bestsellerautorin, lebt vereinsamt in ihrer großen Villa. Die Tochter Ariane fühlte sich als Kind von ihrer Mutter vernachlässigt und als leicht erkennbare Figur ihrer Romane bloßgestellt. Ariane arbeitet als Verhaltensforscherin über »Lügen und Tricksen unter Raben«.
Mutter und Tochter erzählen von einer gemeinsamen Vergangenheit, die völlig unterschiedlich erlebt wurde und immer mehr auch ein Porträt des aktuellen Konfliktes zwischen der Generation 68 und ihren pragmatischeren Erben wird. Dabei vermengen sich gelebtes Leben und literarische Fiktion, während in der Gegenwart das Gespinst aus vermeintlichen Gewissheiten nach und nach zerlöchert wird.


Rezension:  

"Wir kennen uns nicht" beschreibt die Mutter-Tochter-Beziehung von Lena und Ariane ziemlich genau, Mutter und Tochter sind sich völlig fremd. Schon in dem ersten, auf mich verstörend wirkenden Kapitel, wird deutlich, dass zwischen den Frauen weder Liebe, noch Gleichgültigkeit, sondern blanke Wut besteht. 

Die Mutter Lena, bekennende Feministin und Bestsellerautorin, hat ihrer Tochter den Vater ihr Leben lang vorenthalten. Sie selbst war mit der Erziehung eines kleinen Kindes überfordert und überließ die Aufgabe einer Kinderfrau. Lena entwickelte nie Muttergefühle für Ariane, die sich dementsprechend ungeliebt fühlte und auf Distanz zu ihrer Mutter ging. Sie wuchs freiwillig lieber im Haushalt von Freunden der Mutter auf, die selbst keine Kinder bekommen konnten. 

Die Veröffentlichung von Büchern mit offensichtlich autobiographischen Bezügen von Lena ist Ariane zu Schulzeiten peinlich, als Teenager fühlt sie sich durch die Offenbarungen der Mutter regelrecht bloßgestellt
Unmittelbar nach dem Abitur zieht sie aus und weit weg nach München. Es besteht lediglich ein sporadischer telefonischer Kontakt zwischen Mutter und Tochter. 

Lena lernte in ihrem reiferen Alter doch noch die Liebe kennen, verliert ihren Lebensgefährten aber bereits nach drei Jahren an den Krebs. Sie zieht sich zurück in ihre Villa in Norddeutschland und ist nicht mehr in der Lage, ein Buch zu veröffentlichen.  

Auch wenn es hin und wieder beidseitige Versuche zwischen Lena und Ariane gibt, einen Kontakt wiederaufleben zu lassen, scheitern die beiden an ihrem seit jeher bestehendem Kommunikationsproblem. Lena verschwindet mit den Zeilen "Ich bin dann mal weg", die sie ihrer Tochter grußlos hinterlässt. Ariane macht sich keine Mühe herauszufinden, wo ihre Mutter ist oder wie es ihr geht, obwohl sie ihr von ihrer Schwangerschaft hätte berichten wollen. Als Lena dann aus der Zeitung erfährt, dass Ariane geheiratet hat und Mutter einer Tochter ist, ist Lena in Rage und setzt sich engergiegeladen an einen neuen Roman. 

Das Buch ist mit knapp 200 Seiten kurz, aber dennoch (oder gerade deshalb?) gehaltvoll. Es ist eine Charakterstudie zweier unterschiedlicher Frauen, die nur durch ihre Gene verbunden sind. Auf der emotionalen Ebene besteht nur Misstrauen, Wut und Hass. Die Mutter, selbst geprägt von einem Elternhaus, in welchem sie als Mädchen im Vergleich zum großen Bruder minderwertig war, schafft es nicht, ihre Tochter zu lieben und ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Die Tochter distanziert sich und sucht sich automatisch andere Vertrauenspersonen, wünscht sich als Erwachsene sogar, ihre Mutter wäre tot, um diese nicht immer verleugnen zu müssen. Beide machen sich zwar immer wieder Gedanken um die andere und brechen den Kontakt nie ganz ab, schaffen es aber trotzdem nie, ein offenes Gespräch miteinander zu führen, da eine von beiden dieses immer blockiert. 
Kommunikation, Offenheit und der Mut, Gefühle zu zeigen, auch auf die Gefahr hin (wieder) verletzt zu werden, sind die Dinge, die der Mutter-Tochter-Beziehung von Lena und Ariane von Grund auf gefehlt haben. 

"Wir kennen uns nicht" ist definitiv keine leichte Kost und kein Roman, den man einfach mal so zwischendurch liest. Der Roman, der in seiner Knappheit so präzise und treffend formuliert ist, muss nachwirken und am besten liest man das erste Kapitel (http://www.birgitrabisch.de/leseprobe.html) am Ende erneut, um sich das Dilemma von Lena und Ariane begreifbar zu machen.
 

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